The Beast

Für die einen ist es eine Ikone, für die anderen eine Fehlkonstruktion: Das Canon Objektiv  EF 85 1:1.2 L USM II hat nicht nur einen sperrigen Namen, sondern setzt sich zugleich an die Spitze der Preisliste derjenigen Objektive, die selbst gut sortierte Fachhändler nicht in großen Stückzahlen einlagern würden. Denn selbst im Angebot oder mit Canon’s Cash Back Aktionen liegt das Objektiv beim seriösen Fachhändler bei über 2.000 EUR (Neupreis).

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK III

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK III: Hier mit Offenblende (1:1.2) bei ISO 1.250 fotografiert. Die Schärfe liegt nur auf den Wimpern. Schon die Iris ist unscharf.

Die Rede ist somit von einem Spezialisten. Die L-Serie von Canon (erkennbar am dezenten roten Ring in Nähe der Frontlinse) gilt als Premium- oder Profi-Serie. Berufsfotografen greifen gerne zu dieser Serie, da sie beim CPS (dem Canon Professional Service) Punkte für diese Linse erhalten und ggf. ihren Status verbessern können.

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK III

Doch warum Spezialist? Nun, erst einmal ist es eine Festbrennweite. Sie hat keinen Bildstabilisator und ist verdammt schwer. Die Größe und Menge des verbauten Glases macht die Optik zudem langsam (Autofokus). Das Canon EF 85 1:1.8 USM zum Beispiel kostet weniger als ein Fünftel, wiegt weniger als ein Drittel und hat trotz seinen hohen Alters einen deutlich schnelleren Autofokus.

Zum Spezialisten wird „das 1.2er“, wie es in der Community liebevoll genannt wird, vor allem deshalb, weil es kein anderes 85er mit Autofokus und einer Lichtstärke von 1:1.2 gibt. Nicht bei Nikon, nicht bei Leica, nicht bei Sigma oder Tamron (ok, bei Fuji gibt es das XF 56mm 1:1.2, was umgerechnet quasi ein 85er ist). Bei den anderen Anbietern gibt es Objektive mit der Brennweite mit einer Lichtstärke von 1:1.4 – und selbst die sind dann schon teuer.

Die hohe Lichtstärke macht aus dieser Portraitlinse einen wirklichen Spezialisten. Es ist kein Nachtsichtgerät, aber man muss zweifelsfrei erkennen, dass man mit einem 1.2er selbst dann noch brauchbare Fotos machen kann, wenn andere schon längst ohne Blitz nicht mal mehr automatisch fokussieren könnten.

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK III

Aber selbst das ist für die meisten Fotografen kein Kaufgrund. Ein richtiger (und wahrscheinlich der wichtigste) Kaufgrund ist die Fähigkeit, offenblendig alles das auszublenden, was den Betrachter des Bildes vom Hauptmotiv nur ablenkt.

Klingt kryptisch, ist aber ganz einfach zu erklären. Beispiel: Schöne Frau vor Schrotthaufen. Wenn das das Motiv ist, dann soll die Frau auf dem Bild hervorgehoben werden; nicht etwa der rostende Stahl im Hintergrund. Und das kann das 1.2er, wie kein anderes.

Gerade diejenigen Fotografen, die das 1.2er mit einer Vollformatkamera (z.B. der Canon EOS 5D MK IV) kombinieren und möglichst nah an ihr Motiv herangehen und dabei selbiges nicht direkt vor dem Hintergrund positionieren, sondern einen gewissen Abstand zum Hintergrund einhalten, „reißen die Blende voll auf“ und schaffen so Fotos, wo man einen vollständig cremigen Hintergrund erhält, aber nicht einmal erkennt, dass ein Schrotthaufen im Hintergrund ist.

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK III mit Blende 1:1.2

„Freistellen“ nennt man das. Und es schenkt dem zweidimensionalen Foto eine gewisse räumliche Tiefe; also quasi die dritte Dimension, den 3D Effekt.

Hört sich bis dahin sehr gut und reizvoll an – und ist es auch! Doch: Es ist widerspenstig, dieses Objektiv! Darum nenne ich es liebevoll „the Beast“.

Die Lichtstärke hat nämlich gerade beim typischen Portraitabstand zum Hauptmotiv einen entscheidenden Nachteil: Offenblendig ist die Schärfentiefe extrem gering. Ein Beispiel: Fokussiert man auf das Auge, sind bereits Nasenspitze und Ohren außerhalb des Schärfebereichs. Klar, man erkennt beides noch, aber scharf ist eben anders.

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK I bei Blende 1:1.8

Das führt zu Herausforderungen: Bewegt sich das Motiv nur wenige Zentimeter vor oder zurück, ist etwas anderes scharf abgebildet, als vom Fotografen erwünscht. Gleiches gilt für Bewegungen des Fotografen. Und da das 85er vor allem eine Portraitlinse ist, gehört genau das (das Bewegen von Fotograf und Model) zur Tagesordnung.

Im Ergebnis führt dies vor allem beim Anfänger zu zahlreichen unscharfen Fotos (unscharf ist eigentlich falsch, weil irgendwo ja die Schärfe liegt, aber sie liegt eben nicht da, wo es der Fotograf gerne gehabt hätte). Und somit ist das Ergebnis erst einmal schlechter, als mit einer deutlich günstigeren und leichteren Optik.

Das führt zum nächsten Punkt: Fotografen, die mit Facedetection oder mehreren von der Kamera automatisch gewählten Autofokuspunkten arbeiten, werden offenblendig mit diesem Objektiv keine Freude haben. Denn: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit liegt die Schärfe immer leicht daneben.

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II mit Canon EOS 5D MK III

Auch Fotografen, die jetzt den Autofokus aktivieren, aber erst in mehreren Sekunden auslösen wollen, werden einen schweren Stand haben (bzw. sich schwertun, sich mit dem teuren Gerät wirklich anzufreunden).

Das führt zu einem spannenden Zwischenfazit: Für wen ist die Linse eigentlich alles nicht geeignet?

  • Landschaftsfotografen (selbst abgeblendet ist die Linse nicht megascharf)
  • Macrofotografen (die Naheinstellgrenze ist zu weit weg, um echte Macros zu erstellen)
  • Tierfotografen (Autofokus zu langsam)
  • Kinderfotografen, die nicht auf Newborn spezialisiert sind (Autofokus zu langsam)
  • Hobbyfotografen (einfach zu teuer)
  • Fotografen mit 3- oder 4stelligem Canon-Kamerabody (nicht genügend Kreuzsensoren, um die Leistungsfähigkeit der Linse voll ausschöpfen zu können)
  • Studiofotografen (wer Studioblitze einsetzt, kann kaum die Offenblende nutzen).
  • Fotografen, die mit Vollautomatiken arbeiten und die Zusammenhänge aus Blende, Belichtungszeit und ISO (noch) nicht beherrschen.
Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Aber für wen ist die Linse dann eigentlich ein Juwel (also ihr Geld wert)?

Das lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. Aber es gibt sie, diese Menschen, die diese Linse echt gebrauchen können und aus ihr schier Unglaubliches herausholen.

1. Ein-Autofokuspunkt-Benutzer: Fotografen, die den Schärfepunkt ganz bewusst setzen. Bei jedem Bild. Und bei einem Portrait diesen Fokuspunkt gezielt auf den oberen Wimpernansatz des vorderen Auges legen, weil sie wissen, dass nur dann die Schärfe dort sitzt, wo es der menschlichen Sehgewohnheit entspricht.

2. Ein-Autofokuspunkt-Benutzer, die unmittelbar nach dem Scharfstellen auf den Autofokuspunkt den Auslöser betätigen.

3. Lichtmagier, die lieber mit ISO 12.800 und Offenblende arbeiten, als mit Blitz.

4. Hochzeitsfotografen, die in dunklen Kirchen unbemerkt (also ohne Blitz) authentische Reportagen machen wollen.

5. Fotografen, die die Freistelloption dieses Objektivs voll ausschöpfen wollen und nur selektiv abblenden.

6. Fotografen, die der Kamera keine Entscheidung überlassen wollen und alles manuell einstellen (M Modus). Insbesondere die Blende.

Das spitze Profil dieser Linse, der hohe Preis und die genialen Fotos, die mit dieser Linse erstellt wurden, schafft eine gewisse Mystik um die Linse. Gerade Fotografen mit einem ausgeprägten „Haben-wollen-Syndrom“ werden meist nach einiger Überlegenszeit schwach und schlagen trotz des hohen Preises zu.

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Nicht selten wird dieses Objektiv auch gebraucht verkauft. Doch eigentlich gibt es nur drei Arten von Verkäufen:

  • neu und quasi ungebraucht (das sind diejenigen, die nach einigen Wochen mit hohem Fehlfokus verzweifelt aufgeben)
  • neuwertig und echt ungebraucht (Sammler, wollen alles Teure besitzen und brauchen nun Geld (für was anderes Teures)
  • richtig sichtbar gebraucht (das sind die Liebhaber, die von der Magie der Linse nicht mehr ablassen können und kaum eine andere Optik an ihrer Kamera einsetzen)
Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Canon EF 85 1:1.2 L USM II

Grundsätzlich sollte diese Linse nicht die erste Festbrennweite eines Fotografen sein! Ist sie das doch, braucht der Fotograf Geduld. Viel Geduld. Aber Ausdauer und Erfahrung wird bei dieser Linse belohnt, wie bei keiner anderen!

„The Beast“ eben… ;-)

 

Update (2017-06-03):

Durch den Blogbeitrag eines befreundeten Fotografen bin ich nochmal auf ein Thema aufmerksam geworden, welches -gerade bei diesem Objektiv- ganz wichtig ist: Die Feineinstellung!

Gerade bei Objektiven mit einer solch geringen Schärfentiefe liegt es auf der Hand, dass es auf das optimale Zusammenspiel der Komponenten ankommt, um die erwarteten Ergebnisse produzieren zu können. Hier sind das der Kamerabody mit seinem Sensor und seinem Bajonett und das Objektiv mit seinen Linsengruppen.

Viele Kamerabodys (und manche Fremdobjektivhersteller) bieten mittlerweile Tools an, um Objektiv und Kamera aufeinander abzustimmen. Feinjustierung nennt man das. Oft geht es nur im Micromillimeter – aber die können entscheidend sein, um über Schärfe und Unschärfe zu entscheiden.

Ich selbst prüfe jede Festbrennweite direkt nach dem Kauf durch ein paar Testfotos. Dabei fotografiere ich keine Schrauben oder Zollstöcke, sondern teste sie unter realen Bedingungen (mit einem Portraitobjektiv mache ich also Portraits) und schaue sie mir nachher auf meinem großen Eizo-Bildschirm an. Passt die Schärfe nicht auf Anhieb (also an der Stelle, wo ich den Fokus hingelegt habe), dann schicke ich Kamera und Objektiv zum Canon CPS (Canon Professional Service) ein und lasse dort die Feinjustierung durchführen. So habe ich das auch mit „The Beast“ gemacht und habe (nach einem minimalen Fehlfokus zu Beginn) ein optimal aufeinander abgestimmtes Kamera-Objektiv-Päarchen zurückerhalten.

Darum mein Tipp: Wichtige Objektive nie kurzfristig vor einem Auftragsshooting kaufen, sondern rechtzeitig vorher, damit Zeit für Reklamation (bei Defekten, die man ja auch nie ausschließen kann) und/oder Feinjustage vorhanden ist.