Olympus M. Zuiko 75mm 1:1.8

Wie schon zuvor beschrieben habe ich die Gelegenheit genutzt und mir das Olympus 75 mm Objektiv für Micro Four Thirds Kameras wie die Olympus PEN oder die OM-D’s auszuleihen und einmal live zu testen.

Die Online-Registrierung und Reservierung lief schonmal reibungslos. Zwei Tage später hingefahren zum Händler meines Vertrauens und sofort mit Handschlag begrüßt worden. Alles lag parat. Da man mich bereits kannte, wurde auf die Kaution kurzerhand verzichtet. Stattdessen Smalltalk. Wie ich zur OM-D gekommen sei, warum ich sonst mit der Canon EOS 5D MK III fotografiere und was mich an dem 75er denn reizt.

Nun, viele Fragen auf einmal. Ich schätze das Vollformat, liebe Festbrennweiten und genieße die kreativen Möglichkeiten, die mir Canon und Olympus mit meinen „Schätzchen“ bieten. Da mein Fokus auf der People Photography liegt, setze ich am Vollformat hauptsächlich das 50er und das 85er ein. An meiner OMD hingegen hauptsächlich das 25er und das 45er (also sehr ähnliche Bildlooks).

Bei der OM-D ist mir manches Mal die Möglichkeit der Freistellung etwas zu gering. Das liegt natürlich am kleineren Sensor, aber auch daran, dass ich für die OM-D als maximale Blende nur 1:1.8 im Portfolio habe.

Wenn man da mehr Freistellmöglichkeiten an der OM-D haben möchte, gibt es zwei Möglichkeiten: Lichtstärkere Optiken kaufen oder auf eine längere Brennweite umsteigen.

Letzteres ist das 75er Olympus, das umgerechnet auf Vollformat 150 mm Brennweite bietet.

Hier gleich vorweg das erste Foto mit der Linse (noch im Laden). Es zeigt eine dort ausgestellte OMD E-M1 mit dem 12-40er 1:2,8 (der Autofokus wurde hier bewusst auf den Schriftzug gelegt, um Vorder- und Hintergrundunschärfe zu zeigen – am Objektiv sieht man, wie gering der Schärfebereich bei Offenblende mit dem 75mm Oly ist).

OMD E-M1 mit 12-40er

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach 15 min Fachsimpelei war ich bei FotoMax wieder draußen und das 75er an meiner Kamera dran. Draußen alles grau in grau. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Fachhändler hatte ich ein Motiv entdeckt, wo ich schnell noch vorbei wollte. Gesagt getan.

Aufseßplatz, Nürnberg

Zugegeben, kein Portrait. Und damit erst einmal das Falsche für eine Portraitlinse. Aber: Was sich hier bereits zeigte: Das Motiv wird bei dieser Brennweite deutlich weiter herangeholt, als im Vorhinein vermutet. Sprich: Abstand ist ganz klar von Vorteil.

Ab nach Hause. Mal andere Qualitäten der Linse testen. Da kommt mir die Orchidee gerade recht (auch hier ein sehr weicher/schöner Schärfeverlauf bei Offenblende).

Orchidee

Im Vergleich zum 25er und 45er fällt mir direkt die bessere Freistellung auf, aber auch die Abbildungsqualität.

Beim nachfolgenden Portrait wird diese erneut sichtbar. Tolle Qualität bei Availabe light.

Portrait, available light

Nächster Morgen: Mein Model sagt wegen starkem Schneefall ab. Also kein Studioshooting heute. Und raus in den Schnee. Mal sehen, was wir da für Motive finden. Eins sei vorweg genommen: Ein Objektiv für Landschaftsaufnahmen ist das 75er nicht. Irgendwie kein richtiger Weitwinkel… ;-)

Fischzucht

Der untere Bildrand ist übrigens kein Bildfehler, sondern ein Holzzaun, der schneebedeckt war und damit außerhalb des Fokus lag. Was dies zeigt ist nur das softe Bokeh, kein Objektivfehler.

Zaun im Schnee

Auch hier nochmal ein Spiel mit der Schärfe.

Eisenbahntunnel

Kurz vor der Rückgabe der Linse bin ich noch kurz im Einkaufscenter vorbei. Einfach ein bisschen probieren, was die Linse so alles leistet, auch wenn das Umgebungslicht schlecht ist. Das erste Bild wurde bei laufender Rolltreppe von selbiger aufgenommen.

Rolltreppe

Hier nun ein Motiv aus dem Kaufhaus. Kamera auf einem Stehtisch, über die Olympus App ferngesteuert scharfgestellt und ausgelöst. Im manuellen Modus versteht sich. Ein traumhafter Schärfeverlauf. Bei solchen Aufnahmen ist diese Linse wirklich Sahne!

P2020154

Ähnliche Szene, anderes Objekt.

Mobile Phone

Und zum Schluss habe ich dann auch noch meine Models wiedergefunden.

Model 1

Model 2

Model 3

Model 4

Model 5

So, doch was ist nun das Fazit? Fangen wir von vorne an: Die Rückgabe des Objektives war schwer. Die Linse selbst ist super hochwertig produziert, der Fokus funktioniert einwandfrei und ist auch bei schwierigen Lichtverhältnissen treffsicher, zusammen mit der E-M1 ergibt sich eine Kombination, die optisch der Fuji X-t1 mit dem 56er 1:1.2 gleicht, aber natürlich eine ganz andere Brennweite besitzt. Die Brennweite ist beim Olympus 75 1:1.8 die eigentliche Herausforderung. Mir waren die umgerechnet 150 mm (bei Vollformat) einfach zu lang. Bei typischen Portraits, wie ich sie sie sonst mache, hatte ich nur einen Teil des Kopfes auf dem Sensor, weil ich andere Abstände zu meinen Models gewohnt bin. Auch die Schaufensterpuppen (Bilder oben) musste ich mit einem für mich ungewohnten Abstand ablichten.

Was heisst das? Für Fotografen mit einem großen Studio oder Familienmitgliedern, die nicht gerne vor der Kamera stehen, ist die Brennweite ideal. Sie besitzt großes Freistellpotential und kein Mensch fühlt sich zu Nahe auf die Pelle gerückt. Das macht sie zu einem besonderen Schätzchen für alle diejenigen, die mit Micro Four Trirds Kameras auch gerne mal eine Hochzeit fotografieren und bewusst längere Brennweiten einsetzen, um weniger gestellte Motive ablichten zu können. Im Vollformat wäre das 135er 1:2.0 von Canon oder das Sigma 150 mm 1:2.8 Macro sicher von vergleichbarer Güte.

Das Macro bringt mich auf einen weiteren Hinweis: Die Nahgrenze des Olympus 75ers ist mit 84 cm vergleichsweise gering. Klar, mit jedem Macro kommt man näher heran. Aber mit typischen Portraitlinsen, wie zum Beispiel den Vollformat-85ern, kommt man auch nicht näher ans Objekt heran. Mit einem großen Unterschied: Bei 85 mm Brennweite und einem Abstand von ca. 1 Meter bekommt man jedes Gesicht ganz auf den Sensor. Bei 150 mm Brennweite und dem gleichen Abstand zum Gesicht, sind wesentliche Teile abgeschnitten – was bedeutet: Man braucht einen größeren Abstand, damit die Linse ihre volle Leistungsfähigkeit ausspielt. Hat man diesen, dann bietet diese Linse, das was Olympus verspricht: Ein „Premium-Portrait-Objektiv“. Nicht mehr und nicht weniger. Mit 305 Gramm solide gebaut (robustes Metallgehäuse) und knackscharf. Die optische Leistung ist schlicht beeindruckend.

Im direkten Vergleich mit dem 25er und dem 45er von Olympus beweist das 75er gleich in der ersten Minute, warum es teurer sein darf: Es spielt in einer anderen Liga! In der Profi-Liga.

Damit ist es vergleichbar mit dem Canon 135er 1:2.0 L, welches als eine der besten Linsen für das Vollformat gilt und preislich ähnlich liegt.

Mein Tipp: Jeder Interessent sollte vor dem Kauf die Möglichkeit von Olympus Test & Wow selbst nutzen, um dieses Traumobjektiv einmal an den eigenen Body zu schnallen und damit auf die Pirsch zu gehen. Es lohnt sich. Es macht süchtig. Versprochen. Und ist wahrscheinlich mehr Wert, als einen vorhandenen Kamerabody nur durch das Nachfolgemodell auszutauschen. In den Linsen liegt bekanntlich die Kraft des Bildes.