Zoomobjektive

Starten wir in der Welt der analogen Fotografie. Also dem 19. Jahrhundert. Es war im Jahre 1959, als Voigtländer das weltweit erste Zoomobjektiv für den Massenmarkt vorstellte: Das Zoomar 36-82mm 1:2.8. Seitdem ist der Siegeszug der Zoomobjektive nicht mehr aufzuhalten. Im Massenmarkt zumindest! Nahezu jede Kamera, die heute ausgeliefert wird, besitzt ein Zoomobjektiv. Dabei ist es relativ unerheblich, ob es sich um eine Kompaktkamera, eine Spiegelreflexkamera oder eine Systemkamera handelt.

Doch schauen wir uns die Zoomobjektive einmal näher an. Zoomobjektive sind erst einmal praktisch. Man besitzt mehrere Brennweiten und kann so flexibel auf das jeweilige Motiv reagieren. Doch wie sieht es im Inneren eines Zoomobjektives aus? Zahlreiche Linsen werden beim Drehen des Zoomrings (oder bei Kameras mit digitalem Zoommotor an der entsprechenden Schaltwippe) in eine andere Position verschoben, um den Strahlengang (also den Weg des Lichtes auf den Sensor) zu beeinflussen. Denn das Ziel ist es ja, mit einem Objektiv verschiedene Bildwinkel (zumeist Weitwinkel, Normalbrennweite, Tele) abzudecken. Dies macht die Konstruktion und die Herstellung von Zoomobjektiven aufwändig. Und der Aufwand steigt, je höher der Qualitätsanspruch an das Zoomobjektiv ist.

Warum? Nun, Zoomobjektive sind erst einmal Kompromisse.  Um die unterschiedlichen Bildwinkel ohne Austausch der im Objektiv verbauten Korrekturlinsen zu ermöglichen, muss jede Korrekturlinse mit jeder Brennweite harmonieren. Das ist kompliziert und lässt sich am einfachsten nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, man wolle eine Hose für jede Körpergröße und Bauform entwickeln. Das wäre kaum möglich – oder die Hose würde zumindest nicht allen Menschen gleich gut stehen.

Was heisst das nun für die Fotografie? In einem Satz: Ein Zoomobjektiv kann im Prinzip alles, jedoch nichts davon wirklich exzellent! Eine Hose, die am Strand, in der Oper, beim Shoppen und beim Skifahren gleich praktisch ist, gibt es nicht. Da wären wir also wieder beim Kompromiss.

Doch der Kompromiss geht noch weiter: Da Zoomobjektive bereits seit den 80er Jahren quasi zum Standard bei jeder neuen Kamera gehören, können die Hersteller keinen Kunden mehr hinter dem Ofen hervorlocken, wenn sie eine neue Kamera mit dem Text „jetzt mit innovativem Zoomobjektiv“ bewerben. So wie ein Auto ein Radio braucht, braucht nahezu jede Kamera heute ein Zoomobjektiv. Das heisst: Die Hersteller müssen mit anderen Leistungen/Rekorden auf neue Kameramodelle aufmerksam machen. In der digitalen Welt von heute sind das üblicherweise die Megapixel. Manchmal auch Klappdisplay oder ein besonders niedriges Gewicht.

Dies führt dazu, dass der Wettbewerb zwischen den Herstellern angekurbelt wird und diese sich gegenseitig übertreffen wollen. Denn wenn Hersteller A mit 20 Megapixeln wirbt, Hersteller B mit 30 Megapixeln und Hersteller C mit 40 Megapixeln, so wird es zumindest für Hersteller A schwer, überhaupt eine Kamera zu kaufen. Und da der beratungslose Kamerakauf über das Internet boomt, ist der Vergleich von A, B und C sehr oft auf den Preis und die bekanntesten Eckdaten von Kameras reduziert.

Dies zwingt die Hersteller, für den Massenmarkt laufend neue Kameramodelle zu entwickeln und diese zu einem möglichst günstigen Preis zu vertreiben. Mit Zoomobjektiv!

Was das für die Zoomobjektive bedeutet, wird am ehesten transparent, wenn man sich den Spaß macht und zu einer Einsteiger-Spiegelreflexkamera einmal einen Preisvergleich macht: Was kostet sie mit Standard-Zoomobjektiv und was ohne? Oft liegen zwischen beiden Preisen deutlich weniger als 100 EUR (bei einem Gesamtpreis von unter 500 EUR). Das Objektiv hat also einen Marktpreis von 100 EUR. Wenn man nun bedenkt, dass der Hersteller daran verdienen will, der Vertrieb zum Händler bezahlt werden will und der Händler selbst auch eine Marge einbehalten will, so kann die Produktion des Standard-Zoomobjektives keine 50 EUR kosten. Das beweisen auch die Gebrauchtpreise für solche Standardzooms. Sie werden oft schon wenige Wochen nach dem Kauf für unter 50 EUR weiterverkauft.

Und dann? Die meisten Käufer von Spielreflex- oder Systemkameras kaufen dann ein Zoomobjektiv mit größerem Zoombereich. Auch das ist ein Herstellertrick: Mit einem bewußt geringen Zoombereich beim Standardobjektiv schaffen sie Appetit für ein neues/zusätzliches Objektiv. Und da dies so oft gekauft wird, haben die Hersteller auch dazu gleich ein passendes Paket parat: Kamerabody mit Standard-Zoom plus zusätzlichem Megazoom. – Das Megazoom macht das Paket i.d.R. um 200 EUR teurer, was nach oben beschriebener Logik einen Herstellungspreis für das Megazoom von 100 EUR bedeutet. Es deckt aber einen größeren Brennweitenbereich ab und ist somit ein noch größerer Kompromiss.

Standardzoom und Megazoom sind daher regelmäßig mit lichtschwachen Linsen ausgestattet (was ja auch logisch ist, denn je lichtstärker und schärfer eine Linse sein soll, desto größer und teurer wird sie). Das stört bei sonnigem Wetter im Gebirge oder am Strand wenig. Kommt man aber mit dem neu erstandenen Kameraset zum Candlelight Dinner am Abend, so wird es schon schwieriger, ein vernünftiges Bild zu produzieren.

Zoomojektive haben jedoch noch einen weiteren Nachteil, den gerade fotografische Anfänger sogar als Vorteil wahrnehmen: Mit einem Zoomobjektiv braucht man sich nicht zu bewegen! Vor der Kirche stehend, kann ich das gesamte Gebäude, nur den Eingangsbereich und sogar ein einzelnes Fenster ablichten. Mit nur drei Klicks und ohne mich einen einzigen Zentimeter zu bewegen. Praktisch? Ja! Aber: Langweilig! – Spannende Fotos (insbesondere Serien) werden erst lebendig, wenn sich der Fotograf bewegt, er sich auf den Boden legt für die Ablichtung des gesamten Gebäudes und auf eine Mauer klettert, um näher an dem einzelnen Fenster zu sein, das er gerne besonders hervorheben möchte.

Hier schlägt die Stunde der Festbrennweite. Sie bietet eine höhere Qualität (insbesondere Lichtstärke und Schärfe), ist bei gleicher Lichtstärke deutlich einfacher herzustellen und günstiger. Günstiger?

Nahezu jeder Hersteller bietet eine lichtstarke Festbrennweite mit 50mm für rund 100 EUR an. Das ist zugegebenermaßen nicht günstiger als das Standard-Zoomobjektiv – aber eben auch nicht teurer. Aber warum ist es nicht günstiger, wenn es doch einfacher zu produzieren ist? Nun, zum einen werden hier hochwertigere Linsen verbaut und zum anderen sind die Stückzahlen, in denen solche Festbrennweiten verkauft werden, deutlich geringer. Das heisst: Der Skaleneffekt (Kostenvorteil bei Massenproduktion) fällt geringer aus.

Schauen wir rüber zu den Profifotografen. Sie fotografieren nicht nur mit sündhaft teuren Kamerabodys, sondern nahezu ausschließlich mit Festbrennweiten. Warum? Wegen der Qualität und den optischen Möglichkeiten, die konstruktionsbedingt nur Festbrennweiten liefern können. Die meisten Fotografien, die Weltruhm erlangt haben, wurden mit Festbrennweiten erstellt.

Überhaupt ist das Objektiv das entscheidende Bauteil an jeder Kamera! Das wird deutlich, wenn man sich folgenden Vergleich vorstellt: Der Anfänger hält die beste derzeit am Markt erhältliche digitale Einsteiger-Spiegelreflexkamera mit Standardobjektiv in der Hand. Ihm gegenüber sitzt ein erfahrener Fotograf, der seine eigene Digitalkamera gerade nicht zu Hand hat. Er greift ins Regal und nimmt sich eine alte analoge Spiegelreflexkamera mit der damals üblichen Festbrennweite von 50mm zur Hand. Beide dürfen nur ein Foto schießen. Beide fotografieren ihr Gegenüber. Wer macht das bessere Foto? Richtig, der erfahrene Fotograf! Warum? Er hat Erfahrung! Er hat nicht nur ein Auge für die Fotografie und das Licht, sondern er beherrscht sein Handwerkszeug. Er kennt sich mit Blende, Belichtungszeit und ISO aus und hat diese bewußt gewählt. Er hat mit seinem alten Objektiv einen weiteren Trumpf in der Hand: Er verfügt über das lichtstärkere Objektiv und kann die offene Blende gestalterisch nutzen, während der Amateur vor lauter Sorge, sein einziges Bild könne gar nichts werden, die Kamera sicherheitshalber auf Vollautomatik stellt. Der Vergleich hinkt und ist sicher unfair. Ich möchte damit jedoch hervorheben, dass neueste Kameratechnik und mehr Megapixel niemals zu einem besseren Bild führen! Erfahrung, Objektivqualität und die Fähigkeit, Licht zu sehen und das vorhandene Licht für das jeweilige Motiv zu nutzen, sind die Erfolgsfaktoren von spannenden Fotos, die man im Kopf behält!